Polizeimuseum Stuttgart – Hebammen wollen nicht Motorrad fahren

Polizeimuseum Stuttgart – Hebammen wollen nicht Motorrad fahren

Klein aber fein – auf 240 Quadratmetern präsentiert das Polizeimuseum Stuttgart Polizeigeschichte in Stuttgart aus zwei Jahrhunderten. Der Themenbogen reicht von Unfällen mit Pferdefuhrwerken über Motorräder für Hebammen bis zum Schwarzen Donnerstag.

Schuld waren die Hebammen. Wobei Schuld hier nicht im juristischen Sinne verstanden werden soll. Stuttgarts Geburtshelferinnen trugen aber erheblich dazu bei, dass einige Polizisten in Stuttgart eine Zeit lang auf amerikanischen Motorrädern unterwegs waren. Ursprünglich hatten nach dem Krieg die amerikanischen Befehlshaber die Idee, die fahrbaren Untersätze den Hebammen zur Verfügung zu stellen. Wenn Wehen kommen, gilt es schließlich keine Zeit zu verlieren. Die Hebammen der Stadt sollten möglichst schnell zum Einsatzort gelangen.

Nein zum Motorrad

Was gut gemeint war, stieß jedoch auf den Widerstand der Hebammen. Gewiss, Schnelligkeit war geboten in ihrem Beruf. Aber auf zwei Rädern durch die Stadt donnern – das wollten sie dann doch nicht. Vorschlag also abgelehnt. So kam es, dass künftig nicht Hebammen, sondern Polizisten auf amerikanischen Motorrädern durch den Talkessel brausten.

Das ist nur eine von vielen Anekdoten, die man bei einer Führung durch das Polizeimuseum Stuttgart erfahren kann. Das Museum wurde von ehemaligen Polizisten initiiert und aufgebaut und wird von diesen auch betreut. Träger sind der Polizeihistorische Verein Stuttgart e.V. und das Polizeipräsidium.

Großes Archiv, Exponate aus der Polizeigeschichte

Gleich rechts am Eingang geht es in eine ehemalige Polizeidienststellte. Alles funktional hier. Einfaches Mobiliar, mechanische Schreibmaschine, schwarzes Wählscheibentelefon und im Hintergrund ein großer Kasten: der Fernschreiber. Nimmt man an einer Führung durch das Polizeimuseum Stuttgart teil, erhält man einen detailreichen Einblick in die Polizeiarbeit vom frühen 20. Jahrhundert bis zum Schwarzen Donnerstag am 30. September 2010 in Stuttgart.

Alle Randgeschichten und Erläuterungen kommen aus erster Hand von ehemaligen Polizeibeamten. Unzählige Exponate haben die Macher zusammengetragen. Längst nicht alles kann gezeigt werden, denn das Archiv des Vereins umfasst inzwischen mehr als 70.000 Bilder und über 300 Ton- und Filmaufnahmen. Zu viel für die 240 Quadratmeter des Museums. Aber genug für zwei spannende Stunden Führung. Darunter sind auch Dokumente, die die Rolle und die Entwicklungen der Stuttgarter Polizei während des Nationalsozialismus aufzeigen. Auch dieses Kapitel greift das Museum auf.

Mord auf der Gaisburger Brücke: Bedrückende Tonaufnahme

Wer schon länger in Stuttgart lebt, der wird sich an den einen oder anderen Fall, den das Museum vorstellt, erinnern. Zum Beispiel an den Polizistenmord auf der Gaisburger Brücke am 8. August 1989. Damals starben die Polizisten Peter Quast und Harald Poppe durch Stiche mit einem Bajonett. Drei Polizisten wurden verletzt. Der Täter, Frederic Otomo, wurde erschossen.

Im Museum gibt es eine Bandaufnahme zu hören, die den Funkverkehr im Vorfeld und unmittelbar nach Otomos Angriff wiedergibt. Während sich auf der Brücke Dramatisches abspielt, Kollegen zu Tode kommen, bleibt die Stimme des Polizeifunkers in der Zentrale besonnen und sachlich. Er erfährt von den tödlichen Stichen und von schwer verletzten Kollegen, dennoch koordiniert er ruhig den Einsatz. Ein eindrucksvolles, aber auch ein bedrückendes Ton-Dokument aus der Polizeiarbeit.

Fotos, Kameras, Polizei-Ausweis

Andere Exponate zeigen die Entwicklungen im Erkennungsdienst und in der Spurensicherung. Fotofreunde finden in den Vitrinen so manchen Klassiker der Analog-Ära, mit denen die Spurensicherung Tatorte dokumentiert hat. Zu sehen ist auch der Polizeiausweis des ehemaligen Polizeipräsidenten Paul Rau, der in den 1960er Jahren im großen Stil Polizeimotorräder einführte. Die Hebammen waren dieses Mal übrigens außen vor. Raus Motorradpolizisten bekamen vom Volksmund damals einen eigenen Namen verpasst: Die Rau-Reiter.

Gruppen- und Sammelführungen

Das Polizeimuseum ist auf dem Gelände der Polizeidirektion in der Hahnemannstraße 1, direkt am Pragsattel. Es ist mit der U-Bahn sehr gut zu erreichen.

Wer an einer Führung teilnehmen möchte, sollte sich auf der Webseite des Polizeimuseums über die Gruppen- und Sammelführungen informieren. Mindestgröße einer Gruppe ist zehn Personen. Das Mindestalter für eine Führung ist 16 Jahre.

In der Galerie gibt es noch ein paar Eindrücke von einer Führung durch das Musem.

Christoph Bächtle
studierte Technische Biologie und Wissenschaftskommunikation. Er arbeitet als Texter und Fotograf für Unternehmen, Agenturen und Organisationen.

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